A German complaint from 1903 over massacre of 1000s of Armenians by

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Deutschland
2. Juli 2005

Georg Brandes;
Appell an Europas Gewissen; Eine Klage aus dem Jahr 1903 ├╝ber die
Massaker, denen lange vor dem Ersten Weltkrieg schon gro├če Gruppen
des armenischen Volkes zum Opfer fielen

“Armenien und Europa” ist ein Vortrag, der in Berlin am 2. Februar
1903 gehalten wurde. Das Deutsche Reich war eng verb├╝ndet mit dem
t├╝rkisch-ottomanischen, das hier aus gutem Grund zum Gegenstand der
Polemik wird: In dem Jahrzehnt, das der Rede von Georg Brandes
vorausging, fielen den Truppen des Sultans mindestens
dreihunderttausend der etwa drei Millionen Armenier – die auf
t├╝rkischem, persischem und russischem Staatsgebiet lebten – zum
Opfer; 1909 folgten neue t├╝rkische Massaker, f├╝r die Zeit nach 1914
wird eine Zahl von einer Million armenischer Opfer der t├╝rkischen
Politik angenommen. Der Redner sprach vor armenischen Studenten in
Berlin. Georg Brandes, in Deutschland vor allem als der Entdecker
Nietzsches f├╝r ein europ├Ąisches Publikum bekanntgeworden, wurde 1842
in Kopenhagen unter dem Namen Morris Cohen geboren und starb dort
1927. Sein Werk widmete sich in Monographien unter anderem Goethe,
Disraeli und Ferdinand Lassalle. W├Ąhrend des Ersten Weltkrieges
sprach er sich gegen nationalistische ├ťbersteigerungen auf beiden
Seiten aus, der These von der Alleinschuld des Deutschen Reiches am
Kriegsausbruch trat er couragiert entgegen.

F.A.Z.

Da├č ich einer der europ├Ąischen Schriftsteller bin, die sehr fr├╝h
schon ihre Stimme f├╝r Armenien erhoben, sehr fr├╝h schon versucht
haben, die ├Âffentliche Aufmerksamkeit auf die schrecklichste und
emp├Ârendste V├Âlkertrag├Âdie in neuerer Zeit hinzulenken, diesem
Umstand verdanke ich die Ehre, vom Verein armenischer Studenten in
Europa aufgefordert worden zu sein, hier heute abend das Wort zu
ergreifen.

Ich neige nicht dazu, die m├╝ndlichen Worte eines einfachen Autors zu
├╝bersch├Ątzen, und wei├č sehr wohl, da├č in gro├čpolitischen Fragen die
Entscheidung bei den Machthabern liegt. Aber selbst die Machthaber
sind in unseren Tagen gezwungen, auf eine starke und einstimmig
ge├Ąu├čerte ├Âffentliche Meinung R├╝cksicht zu nehmen, und deshalb gilt
es, so lange zu rufen, bis eine solche ├Âffentliche Meinung in allen
L├Ąndern erwacht. Doch besonders im Deutschen Reich. Wie Sie alle
wissen, ist das t├╝rkische Armenien w├Ąhrend der letzten zehn Jahre der
Schauplatz solcher Greuel gewesen, derengleichen die beglaubigte
Weltgeschichte kaum aus den rohesten Zeiten vermeldet. Bevor wir es
erlebten, hatte keiner f├╝r m├Âglich gehalten, da├č eine ganze
Bev├Âlkerung solcherma├čen Gegenstand von Aussaugungen, Folter und
Massenmord werden k├Ânnte. Das Blut von Hunderttausenden schreit zum
Himmel.

Ich wei├č, da├č die T├╝rkei eine mit Deutschland freundschaftlich
verbundene Macht ist. Ebendas hat der t├╝rkischen Regierung freie Hand
gelassen. Ich will mit keiner Silbe von der Pers├Ânlichkeit des
Sultans sprechen. Aber die Freundschaft, die sein Gl├╝ck ausmacht,
kann f├╝r F├╝rsprecher der Menschlichkeit nicht davon abhalten, vor das
deutsche Publikum zu treten. Ungarn ist durch Stammesverwandtschaft
und ├ťberlieferungen, die sich ├╝ber Jahrhunderte erstrecken, mit der
T├╝rkei freundschaftlich verbunden. Dennoch wurde der tapfere
Vork├Ąmpfer f├╝r die Sache Armeniens, Pierre Quillard, in Budapest
aufmerksam angeh├Ârt, als er k├╝rzlich, Mitte Dezember, den Ungarn
Tatsachen aus Armeniens neuester Geschichte vorlegte. Das deutsche
Volk steht der T├╝rkei sehr viel ferner als das magyarische, und als
Ganzes ist es weitaus m├Ąchtiger. Eine Erhebung der ├Âffentlichen
Meinung in Deutschland f├╝r die armenische Sache h├Ątte jetzt
vielleicht entscheidende Bedeutung. Wofern die Armenier gar nichts
anderes f├╝r sich h├Ątten als ihr Ungl├╝ck, es w├Ąre unm├Âglich, ihnen
Teilnahme zu verweigern. Sie haben erlitten, was fast nicht gesagt,
geschweige denn beschrieben werden kann, weil die Zuh├Ârer sich die
Ohren zuhalten w├╝rden.

Sagt man: Dreihunderttausend Leben sind ausgel├Âscht worden, teils
durch Gewalttaten, teils durch Hungersnot und Frost, so macht das
einen geringen Eindruck; es setzt die Einbildungskraft nicht in
Bewegung. Was zum Beispiel n├╝tzt die Mitteilung, da├č im August 1894
in den D├Ârfern bei Musj ein Massenmord stattfand, der drei Wochen
dauerte, da├č M├Ąnner, Frauen, Kinder ohne Unterschied niederges├Ąbelt
wurden, da├č ├╝berall den Frauen Gewalt angetan wurde, ehe sie starben,
da├č man erst bald zweihundert, bald dreihundert Frauen auf einmal den
Soldaten ├╝bergab, ehe sie mit Bajonetten und S├Ąbeln get├Âtet wurden!
Was n├╝tzt es, mitzuteilen, was ein deutscher Reisender an Ort und
Stelle erfahren hat: In Kendránz hatten die Kurden einander ihr Wort
darauf gegeben, jedes weibliche Wesen vom f├╝nfj├Ąhrigen Kind an
aufw├Ąrts zu vergewaltigen! Oder zu sagen: An einem anderen Ort wurden
nahezu sechzigtausend junge Frauen und M├Ądchen in eine kleine Kirche
eingeschlossen, den Soldaten ausgeliefert und schlie├člich von ihnen
get├Âtet. Ein Blutstrom flo├č unter der Kirchent├╝r heraus.

Will man einen unverge├člichen Eindruck machen, so mu├č man ins
einzelne gehen. Da├č hunderttausend ermordet worden sind, wirkt
weniger, als wenn ein einzelner gemordet wurde. Eine Frau fiel auf
die Knie und flehte die Soldaten an, ihr Leben zu schonen – in
Wirklichkeit zwei Leben. Ist es ein Junge oder ein M├Ądchen? riefen
die Soldaten. Und sie wetteten sieben Medsjidi├ę auf einen Jungen.
Schauen wir doch nach! Und man schlitzte ihr den Bauch auf. Der es
erz├Ąhlte, kann alle Umst├Ąnde angeben und die Namen der Zeugen nennen.
Andernorts haben die Kurden gewettet, ob sie mit einem Schlag vier
Kleinkindern den Kopf abhauen k├Ânnten, und haben es vor den Augen der
M├╝tter getan. In Trebisund ging am ersten Tag des Blutbads ein
Armenier aus einer B├Ąckerei, wo er Brot f├╝r seine kranke Frau und
seine Kinder gekauft hatte. Er wurde von einer w├╝tenden Bande
├╝berrascht. Er bittet um Gnade. Man verspricht tr├╝gerischerweise, ihm
nichts B├Âses anzutun. Er glaubt es und dankt zutiefst. Aber man
machte sich nur lustig ├╝ber ihn. Man bindet seine F├╝├če zusammen. Man
haut seine eine Hand ab und schl├Ągt ihm mit dieser blutigen Hand ins
Gesicht. Dann haut man die andere Hand ab. Man fordert ihn danach
auf, das Zeichen des Kreuzes zu machen, w├Ąhrend andere ihn ersuchen,
lauter zu rufen, damit sein Gott ihn h├Âren kann. Einer schneidet ihm
die Ohren ab, stopft sie erst in seinen Mund hinein und wirft sie ihm
dann ins Gesicht. Ein anderer ruft: Der Mund des Effendi mu├č bestraft
werden, weil er einen solchen Leckerbissen verschm├Ąht hat. Und man
schneidet seine Zunge heraus. Jetzt kann er nicht mehr
gottesl├Ąsterliche Reden f├╝hren. Mit der Spitze eines Dolches l├Ą├čt
einer sein Auge aus der Augenh├Âhle springen. Das schreckliche
verzerrte Gesicht, die Zuckungen des armen Leibes machen diese
Fanatiker noch wilder; auch das andere Auge lassen sie springen und
hauen ihm die F├╝├če ab, ehe sie ihm mit einem Dolchstich in die Kehle
den Gnadensto├č geben.

In einem Bericht des englischen Konsuls in Erser├║m wird eine Szene
aus dem Dorf Semál noch vor dem Blutbad beschrieben. Der Armenier Azó
hatte sich geweigert, einige der besten M├Ąnner des Ortes anzuzeigen.
Daraufhin lie├čen der Richter Talib Effendi und zwei t├╝rkische
Hauptleute ihn eine ganze Nacht hindurch martern. Erst bekam er die
Bastonade. Dann band man ihn nackt mit ausgebreiteten Armen an zwei
Balken, und das Auspeitschen begann. Der Ungl├╝ckliche konnte kein
Glied r├╝hren. Die Zuckungen in seinem Gesicht verrieten seine Leiden.
Je mehr er schrie, desto mehr schlug man. Er flehte seine B├╝ttel an,
ihn doch zu t├Âten. Er versuchte, seinen Sch├Ądel an den Balken zu
zerschlagen. Das wurde verhindert. Als er noch immer nicht Zeugnis
gegen seine Eigenen ablegen, sich nicht mit unschuldigem Blut
beflecken wollte, lie├č Talib erst seine Barthaare mit Zangen
ausrei├čen, dann fing man an, seinen Leib mit gl├╝henden Eisen zu
traktieren, verbrannte ihn an den H├Ąnden, im Gesicht, an den F├╝├čen
und an noch anderen K├Ârperteilen. Mit einer gl├╝henden Zange
verbrannte man seine Zunge. Dreimal fiel er in Ohnmacht, blieb aber
standhaft. Im Nebenzimmer h├Ârten seine Frau und seine Kinder, vor
Grauen erstarrt, sein Jammern.

Und nun der Aufenthalt in den Gef├Ąngnissen, zum Beispiel in Bitlis,
wo die Gefangenen, die zu Hunderten zusammengepfercht waren, in dem
f├╝rchterlichen Schmutz bisweilen weder liegen noch sitzen konnten,
noch dazu hungerten und oft gefoltert wurden.

Ich wei├č es und habe es sehr wohl gesp├╝rt: Sie haben mir ungerne
zugeh├Ârt. Sie haben sich Gewalt antun m├╝ssen, um mir nicht zuzurufen:
Genug! Genug! Ich habe auch wohl bemerkt, da├č viele Damen den Saal
verlassen haben. Es ist gr├Ą├člich f├╝r Sie gewesen, sich das anzuh├Âren.
So bitte ich Sie denn, die Greuel, die ich Ihnen mitgeteilt habe, mit
einigen hunderttausend zu vervielfachen und zu bedenken: Was die
Berliner Damen nicht haben ertragen k├Ânnen zu h├Âren, das haben die
Armenier hunderttausendfach ausgestanden. Das ist in unserer Zeit
geschehen, im letzten Jahrzehnt, etwa vier bis f├╝nf Tagreisen von
hier – und wir haben es geschehen lassen, haben nichts daf├╝r getan,
es abzuwehren. L├Ąngst war Europa gewarnt. Die Vorbereitungen f├╝r das
Gemorde in Sass├║n wurden so ├Âffentlich betrieben, da├č der englische
Konsul in Erser├║m in einem langen Bericht um Schutz f├╝r die
armenische Bev├Âlkerung ersuchte. England wolle “sich nicht in die
inneren Angelegenheiten einer befreundeten Macht einmischen”. Das ist
st├Ąndig die Formel. Und was das Unerh├Ârte ist: Nachdem Europa nicht
mehr in Unwissenheit schwebt, dauert dieser Greuelzustand noch immer
an.

Immer noch werden die Armenier ihrer Freiheit beraubt, ausgepl├╝ndert,
mi├čhandelt, einzeln oder haufenweise niederges├Ąbelt. Ich k├Ânnte
Hunderte von Beispielen anf├╝hren. Ich nenne eins: Am 3. Juli 1900
umringten f├╝nfhundert Kurden das Dorf Spagh├ínk. Mit Kugeln, S├Ąbeln,
Bajonetten legten sie los. Frauen und Kinder liefen den Soldaten
flehend entgegen. Die kleinen Kinder wurden, noch lebend, auf den
Bajonettspitzen hochgehoben; die Frauen wurden entkleidet,
gesch├Ąndet, ermordet. Dem Dorfpriester, einem achtzigj├Ąhrigen Greis,
wurden langsam beide Seiten des Mundes gespalten und die Kinnladen
herausgerissen. Einer schwangeren Frau namens Timene, die mit dem
Gemeindevorsteher verheiratet war, wurde der Bauch aufgeschnitten;
das Kind wurde zerst├╝ckelt und die Frau mit f├╝nfzig Messerstichen
get├Âtet. Wir haben immer gewu├čt, da├č unsere Kultur Vergehen nicht
ausschlo├č, nicht Raublust und Bluttat einzelner noch diejenigen
verbrecherischer Banden. So bedauerlich das war, erschien es uns
nicht als Gegenbeweis gegen die Kulturstufe, die wir erreicht zu
haben glaubten. Desgleichen haben wir immer gewu├čt, da├č unsere
Kultur, selbst in den zivilisiertesten Staaten, nicht das soziale
Ungl├╝ck ausschlie├čt, die Armut und die Vernachl├Ąssigung der Armen.
Aber sogar das Elend der sch├Ąbigst Gestellten schien uns nicht gegen
den hohen Stand der Gegenwartskultur zu sprechen.

Armenien als Vorhut westlicher Zivilisation in Asien.

Wir haben immer gewu├čt, was Krieg bedeutet, wie er die Leidenschaften
erregt, welche Greuel er zeitigt. Aber wir f├╝hren heutzutage nicht
Krieg, wie man ihn in fr├╝heren Zeiten f├╝hrte. Ungerne tun die
Heerf├╝hrer der friedlichen Bev├Âlkerung Leid an; gegen Frauen und
Kinder wird nur unter bestimmten Bedingungen Krieg gef├╝hrt, wenn zum
Beispiel St├Ądte bombardiert werden. So spricht denn auch nicht der
Krieg gegen unsere Gewi├čheit, auf einer sehr hohen Zivilisationsstufe
zu stehen. Obwohl wir also die h├Ąufigen Verbrechen, die soziale
Ungerechtigkeit und Grausamkeit, die Rassenfeindschaft und den
Religionsha├č, das Grauen der Kriege einr├Ąumen mu├čten, so blieb doch
immer ein Vergehen ├╝brig, das uns in unseren Tagen undenkbar schien
und als ins Altertum oder ins Mittelalter geh├Ârend abgestempelt
wurde. Damit m├╝ssen wir aufh├Âren. Nachdem Europa nicht die Greuel
verhindert hat, die in Armenien veranstaltet werden und heutzutage
auch in Makedonien, kann unm├Âglich behauptet werden, unsere Zeit habe
in ethischer Hinsicht den finstersten Zeiten der Geschichte etwas
voraus.

Ich sagte: Wofern die Armenier gar nichts anderes f├╝r sich h├Ątten als
ihr Ungl├╝ck, so verdienten sie unsere Teilnahme, unsere Hilfe. Aber
die Armenier sind eines der ├Ąltesten Kulturv├Âlker der Erde mit einer
fast 4000 Jahre alten Geschichte – ein Kulturvolk, das der
Zivilisation in seinem Land und mehr noch au├čerhalb seines Landes
gro├če Dienste geleistet hat. Wie die Polen sind die Armenier zwischen
drei gro├če M├Ąchte aufgeteilt. Sie sind Ru├čland, Persien und der
T├╝rkei unterworfen – L├Ąndern, deren drei Sprachen die Gebildeten in
diesem Volk nicht selten au├čer ihrer eigenen beherrschen, w├Ąhrend sie
au├čerdem oft eine europ├Ąische Sprache verstehen und sprechen. Es ist
dasjenige der V├Âlker der Ostens, das sich am meisten europ├Ąische
Menschlichkeit angeeignet hat; es war, wie einer seiner besten S├Âhne,
Archag Tchobani├ín, gesagt hat, “die Vorhut der europ├Ąischen
Zivilisation in Asien”.

Obwohl sein Land, das am Wege der Eroberungsv├Âlker Asiens lag, stets
aufs neue von Fremden ├╝berschwemmt und unterdr├╝ckt worden ist
(bereits im Altertum von Assyrern und Medern bis zu den Arabern), hat
es eine ganz ungew├Âhnliche Widerstandskraft an den Tag gelegt und
eine nicht sehr viel geringere F├Ąhigkeit, das Fremde in sich
aufzunehmen. Das parthischen K├Ânige, die Armenien vom zweiten
Jahrhundert vor Christus an regierten, waren Armenier geworden. Die
teilweise ausgezeichneten K├Ânige aus der Familie der Bagratruni, die
auf sie folgten, waren anscheinend armenisierte Juden; doch ist das
nicht sicher, da es damals als eine Ehre galt, vom “Haus David”
abzustammen. Von der ├Ąltesten bis zu unserer Zeit hat Armenien
fremden V├Âlkern gro├če M├Ąnner geschenkt. Im byzantinischen Kaiserreich
waren die Armenier hervorragende Krieger, erneuernde Denker, und ein
knappes Dutzend der Kaiser war armenischer Abstammung.

Unter der t├╝rkischen Kaiserherrschaft behielten sie ihre Stellung als
lebenspendendes Element; sie hatten den Handel in ihren H├Ąnden,
zeichneten sich als K├╝nstler, Gesch├Ąftsleute und Staatsm├Ąnner aus.
Nubár Pasja, der so lange Ägypten regierte, war ein Armenier, und ein
Armenier war auch der russische Diktator Loris-Melikov. Da das
armenische Volk als erstes von allen das Christentum annahm, ist
seine alte heidnische Poesie leider gr├Â├čtenteils verlorengegangen.
Nicht blo├č die antiken Tempel, sondern auch die Dichtungen, die
G├Âtter und Helden verherrlichten, wurden vernichtet. Uns bleiben nur
Bruchst├╝cke, die von der lyrischen F├Ąhigkeit des Volkes Zeugnis
ablegen; aber genug, um das Pantheon der armenischen Gottheiten
wiedererrichten zu k├Ânnen. Sie haben weder die Riesenausma├če der
asiatischen Gottheiten noch die Anmut der griechischen G├Âtter; sie
sind, wie die Menschen, die sie hervorbrachten, arbeitsam, n├╝chtern
und gut.

Auch in der alten Baukunst des Landes, die so reich war, gibt es eine
Mischung aus assyrischen und persischen Formen mit hellenischem Stil.
Das Christentum wurde f├╝r die Armenier ein neues Kulturelement, und
zwar ein nationales. Als Armenien seine politische Unabh├Ąngigkeit
verlor, wurde die Kirche Sinnbild und H├╝terin der nationalen
├ťberlieferung, etwa wie seither in Polen. Die Literatur wurde jetzt
teils historisch, teils stark kirchlich, bestand aus religi├Âs
get├Ânten Chroniken und mystischen Gedichten, behielt aber eine dunkle
und eigent├╝mliche Poesie. Goldene Hymnen an das Licht finden sich.
Einen breiten Raum nimmt die dichterisch glutvolle
Geschichtsschreibung von Moses Khorenazi ein; er hatte in
Griechenland studiert und kannte die Ilias. Er preist die Tapferkeit
der Helden. Und er liebt sein Land. Er hat die wundervolle Sch├Ânheit
der Gegend um Van verherrlicht, die von Semiramis zu ihrer
Sommerresidenz erkoren wurde: “In einem Land, sagte sie, wo das Klima
so mild und die Luft so rein ist, m├╝ssen wir eine Stadt und ein
k├Ânigliches Schlo├č bauen, um inmitten all dieser Herrlichkeit zu
wohnen.”

Fr├╝here Einf├Ąlle – Was die alten Chroniken erz├Ąhlen.

Ein anderer ber├╝hmter Historiker aus der alten Zeit, Jerisj├ę, der die
Kriege der Armenier gegen die Perser erz├Ąhlt hat, preist in einem
ber├╝hmten Bruchst├╝ck die armenischen Frauen, die zu allen Zeiten
einen seltenen Mut bewiesen haben – unl├Ąngst vor einigen Jahren in
Sass├║n, als f├╝nfzig junge Frauen sich in einen Abgrund st├╝rzten, um
nicht den T├╝rken in die H├Ąnde zu fallen, und in Pal├║, wo drei├čig aus
demselben Grund in den Euphrat sprangen, dabei ein Hymne singend.
Jerisj├ę hat den Ernst und den Verzicht der Witwen in der harten Zeit
des Krieges beschrieben.

Eine Chronik, verfa├čt von Vartabed Lasdivertsi, erz├Ąhlt vom Einfall
der Tataren und der Perser und schildert, schon vor 900 Jahren,
Armenien als “nackt am Stra├čenrand liegend, von allen V├Âlkern mit
F├╝├čen getreten, aus der Heimat verjagt, als Gefangene und Sklavin”.
Vom f├╝nfzehnten bis zum neunzehnten Jahrhundert war der armenische
Volksgeist v├Âllig unterdr├╝ckt, wie vernichtet. Nur die Kirche stand
aufrecht. In den Kl├Âstern schlummerten die alten Handschriften. Ein
M├Ânch namens Mechit├ír, der einsah, da├č sich in der T├╝rkei keine
geistige Herdstatt f├╝r armenisches Geistesleben bauen lie├č, brachte
die wertvollsten Handschriften nach Venedig und gr├╝ndete dort jenes
Kloster San L├ízaro, das als eine Art armenischer Universit├Ąt diente
und in dem Lord Byron die armenische Sprache zu erlernen begann.

Die Bewohner dieses Klosters entfalteten eine ungeheure T├Ątigkeit als
├ťbersetzer und machten so ihre Landsleute mit allen geistigen
Sch├Ątzen des alten und des neuen Europa bekannt, von Homer ├╝ber
Racine und Alfieri bis zu Schiller. Man begann jetzt, in der
Literatur das moderne statt des alten Armenisch zu benutzen, und
daraus folgte die gro├če Bl├╝te des armenischen Geisteslebens im
neunzehnten Jahrhundert. Junge M├Ąnner, die aus Europa zur├╝ckkamen,
brachten die Hervorbringungen der europ├Ąischen Romantik mit und
gr├╝ndeten in Konstantinopel ein Nationaltheater. Dichter wie Gabriel
Sunduki├ínz und sp├Ąter Avetis Nazarb├ęk haben in ihren Schauspielen mit
Witz und Leidenschaft Spie├čb├╝rgertum und Vorurteile bei ihren
Landsleuten angegriffen.

Der Geist von 1848 wurde in Armeniens Berge verpflanzt. Die
armenische Volksseele wurde immer mehr europ├Ąisiert. Auf russischem
Boden entstand unter Einflu├č des russischen Romans und der
sozialdemokratischen Arbeiten der Deutschen eine zweite armenische
Literatur, die das Volk zum Aufruhr gegen die t├╝rkischen ├ťbergriffe
weckte. Nalbandián schenkte dem armenischen Volke sein Freiheitslied.
Der talentierte Raffi schrieb seinen in Franz├Âsische und ins Deutsche
├╝bersetzten Roman “Dsjellal-ed-din”, der die Zust├Ąnde in Armenien um
das Jahr 1877 schilderte und ein ergreifendes Bild des
V├Âlkermartyriums damals (und jetzt) bietet. Was wir k├╝rzlich an
Greueln erlebt haben, die ├ťberf├Ąlle und die Gewalttaten, all die
Jammergestalten, diejenigen, die auf Pf├Ąhle gespie├čt sind,
diejenigen, die mit gl├╝henden Eisen gemartert werden – alles kommt
hier bereits vor. Der Roman hinterl├Ą├čt ungef├Ąhr den Eindruck wie die
Briefe, die in den Jahren 1894 bis 1896 von den Ungl├╝cksorten
geschrieben worden sind. Nazarb├ęks auf englisch erschienenes Buch
“Durch den Sturm” behandelt in Romanform den armenischen Aufruhr, den
die Greuel hervorriefen und der Anla├č zu neuen Greueln wurde.

W├Ąhrend des geistigen Schlafes des Volkes hatte sich das Volkslied
stets frisch gehalten und neue Sprosse getrieben, und kein Volk hat
so moderne Volkslieder wie das armenische, die klagenden Lieder der
Ausgewanderten, die leidenschaftlichen Verse der Verliebten. Eine
Jugend wuchs heran, der zugleich das alte Armenien vertraut war, und
die, modern gesinnt, Einspruch gegen die Ungerechtigkeit der
Regierung und die Grausamkeit der Kurden erhob. So konnte der
Patriarch Ners├ęs 1878 M├Ąnner mit Vollmacht f├╝r die Armenier zum
Kongre├č nach Berlin schicken. Und er hatte Gl├╝ck, erwirkte den
Artikel 61, der die Zukunft der Armenier zu sichern schien, den
Artikel, an dessen unerf├╝llte Versprechen noch heute jeder Freund der
armenischen Sache sich klammern mu├č.

Europa scheint das unterdr├╝ckte Volk unter seinen Schutz genommen zu
haben. Leider war die Teilnahme der M├Ąchte nicht ernst gemeint. Und
allein der Umstand, da├č die Armenier gewagt hatten, sich an Europa zu
wenden, trieb die Verbitterung der t├╝rkischen Regierung aufs ├Ąu├čerste
gegen sie. Das armenische Theater in Konstantinopel wurde
geschlossen, Unterricht in der Geschichte Armeniens, Versammlungen,
Feste, Vorlesungen und so weiter verboten. Die Presse wurde der
sch├Ąrfsten Zensur unterworfen. Einkerkerungen und Verfolgungen kamen
allm├Ąhlich h├Ąufiger vor als bis dato. Die Kurden wurden gegen die
Armenier als Kavallerieregimenter unter dem Namen Hamidi├ęh
organisiert. Der Sultan verlieh diesen irregul├Ąren Truppen seinen
Namen und lie├č sie auf ihre ungl├╝cklichen Nachbarn los, um sie
auszupl├╝ndern und niederzuschlagen.

Als die Armenier sich an mehreren Punkten zu Wehr setzten, hatte man
den Vorwand, diese ungl├Ąubige, das hei├čt christliche Bev├Âlkerung
durch Massen-Folter und Massen-Geschlachte auszurotten. Auf dem
Berliner Kongre├č hatte sich die ottomanische Regierung durch Artikel
61 verpflichtet, die notwendigen Reformen einzuf├╝hren, f├╝r die
Sicherheit der Armenier den Tscherkessen und Kurden gegen├╝ber
einzustehen und den M├Ąchten von Zeit zu Zeit dar├╝ber Rechenschaft
abzulegen. Den unterzeichnenden Regierungen war das Recht einger├Ąumt,
die t├╝rkischen Verhaltensma├čregeln zu ├╝berwachen. F├╝nfzehn Jahre
hindurch hielt daraufhin die T├╝rkei die M├Ąchte mit leeren Worten hin.
Und wenn die T├╝rkei danach, weit davon entfernt, mit der Einf├╝hrung
der Reformen anzufangen, sich umgekehrt dazu aufraffte, die
eindringlichen Noten von den englischen, russischen und franz├Âsischen
Gesandtschaften mit der Anordnung eines Massen-Blutbads zu
beantworten, dann nur dazu ermutigt – ein so eifriger deutscher
Patriot wie der gutunterrichtete Reisende Paul Rohrbach gibt es zu -,
weil “das ausgezeichnete Verh├Ąltnis zu Deutschland” es der t├╝rkischen
Regierung m├Âglich machte.

Deutschlands Verantwortung ist entscheidend.

Einem einhelligen Auftreten der M├Ąchte h├Ątte die T├╝rkei nachgeben
m├╝ssen. Sie w├Ąre von allen Seiten blockiert gewesen. Das
freundschaftliche Verh├Ąltnis zu Deutschland verschaffte ihr Luft. Die
Blockade, der sie sich ausgesetzt gesehen h├Ątte, war nicht effektiv.
Sie schl├╝pfte durch und konnte unverdrossen die Armenier mit
Bajonetten und Lanzen zum Schweigen bringen, mit scharfen S├Ąbeln und
gl├╝henden Eisen, mit Vergewaltigung und Brandstiftung. Niemand wird
leugnen, da├č einzelne Deutsche, M├Ąnner wie Frauen, sich nach der
schlimmsten Schreckenszeit hilfreich gezeigt haben. Deutsche
Opferbereitschaft hat sich der elternlosen Kinder angenommen und sie
erziehen lassen. Jeder auch kennt Eduard Bernsteins Rede, und jeder
wei├č, da├č ein Mann wie Johannes Lepsius, der bezeichnenderweise daf├╝r
sein Pfarramt verlor, alles daf├╝r eingesetzt hat, seinen Landsleuten
die Wahrheit ├╝ber die armenischen Verh├Ąltnisse offenzulegen.
Nichtsdestoweniger w├Ąre ohne das herzliche Verh├Ąltnis zwischen dem
Deutschen Reich und dem t├╝rkischen Kabinett das gr├Âbste politische
Verbrechen des letzten Jahrhunderts eine Unm├Âglichkeit gewesen.

Deshalb gilt es, vor allem in Deutschland f├╝r das armenische Volk
Stimmung zu machen. In der ber├╝hmtesten altisl├Ąndischen Saga wirft
eine Frau den ganz mit Blut ├╝berstr├Âmten Umhang ihres erschlagenen
Mannes um einen Verwandten, der nicht recht geneigt ist, f├╝r ihre
Sache Partei zu ergreifen, um ihn dadurch zu bewegen, als R├Ącher des
Toten aufzutreten. An Rache denkt hier niemand. Aber wofern es
m├Âglich w├Ąre, den von geronnenem Blut ganz steif gewordenen Umhang
der geschlagenen armenischen Opfer dem deutschen Volk um die Schulter
zu werfen, um es dazu zu bewegen, von der deutschen Regierung
Sicherheit und Freiheit f├╝r die ├ťberlebenden des alten, ehrw├╝rdigen
armenischen Stammes zu fordern, so w├Ąre das eine n├╝tzliche Tat.

Aus dem D├Ąnischen von Hanns Gr├Âssel.

Der Berg Ararat, an dem die Arche Noah anlangte, ist das geistige
Zentrum des armenischen Volkes. Grav├╝re nach einer Zeichnung von
Taylor, 1886.

Foto Collection Roger-Viollet